Die New York Times berichtet über ein charmantes globales Experiment: Auf der Website Six Items or Less versammeln sich Leute, die einen Monat lang nur sechs Kleidungsstücke tragen (Schuhe und Unterwäsche nicht mitgerechnet). Die größte Überraschung für die meisten: dass es praktisch niemandem in ihrem Umfeld auffällt – eine Erfahrung, die ich nur bestätigen kann. Hier ein Videobericht über eine der Teilnehmerinnen.
Möglicherweise…
…nehme ich das Projekt ein bisschen zu ernst, dachte ich gerade. Bin mit den kleinen Blauen ins Waschcenter, habe sie alle (auch das, das ich trug) in die Maschine gestopft und eines davon nach dem Waschen, noch feucht, sofort wieder auf dem Heimweg angezogen. Und während ich auf die Wäsche wartete, dachte ich: Was, wenn mich jetzt einer ohne Kleid sieht? Ich schiebe alles auf die Hitze… Abgesehen davon: Feucht trägt sich das Kleid angenehm kühl. Leider trocknet es nach circa 10 Minuten.
Sakral
Auf vielfachen Wunsch einer einzelnen Dame: mein Schuhfenster. Halbtransparente Ikea-Schuhboxen im Schrankzimmer meiner Hamburger Wohnung, milde von hinten beschienen. Spart den Vorhang, macht Freude am Morgen. Ein Kirchenfenster für Frauen. Nicht täuschen lassen von den leeren Schachteln: Der Rest der Schuhe wohnt in München. Plus noch ein paar mehr…

„Sobald Sie es loswerden wollen, verwandelt es sich in Abfall“
Schönes Interview von Christian Ankowitsch mit Bernd Bilitewski, Professor für Abfallwirtschaft an der TU Dresden, über den Müll, das Wegwerfen und die Tatsache, dass nichts je von diesem Planeten verschwindet.
Idealerweise sagt uns in Zukunft ein Produkt, woraus es besteht und wie es am besten zerlegt und recycelt werden soll.
Und wie kann man den Produkten das Sprechen beibringen?
Mit der Transpondertechnik. Dazu brauchen Sie einen Chip, wie Sie ihn von Ihrer Geldkarte kennen. Jedes Produkt bekommt einen, der sagt dann dem Roboter: Ich bin ein Tetrapack, habe innen braunes Papier, das nur so und so verwertet werden kann; Autos erzählen, aus welchen Komponenten sie bestehen…
Produkte geben also Anweisungen, wie wir sie wieder zum Verschwinden bringen können?
Ja, ich hoffe möglichst bald.
Auf Entzug
Sehr tapfer: Eine Gruppe von gut 100 Frauen (und zwei Männern) hat sich vorgenommen, ein Jahr lang keine Kleidung zu kaufen. Sie schreiben ein gemeinsames Blog.
Schrankschmuck
Gerade ein sehr hübsches neues Wort gelernt: closet jewelry. Als Bezeichnung für Kleidung, die man hauptsächlich deshalb besitzt, damit der Schrank hübsch aussieht. Ich habe mich sofort ertappt gefühlt – diese jadegrüne Seidenjacke, dieses hautfarbene Glitzertop, diese Blumenjacke von Paul Smith, die ich praktisch nie trage, die aber toll zwischen all den langweiligen schwarzen Jacketts aussehen…
100 Tage
100 Tage? Nein! Doch.
Ein paar Fragen, die mir in den letzten Wochen gestellt wurden (und ein paar, die ich mir selbst gestellt habe):
1. Gibst du mehr Geld für Kleidung aus, um das Kleid aufzumotzen?
Jein. Ich habe inzwischen eine absurde Sammlung von Strumpfhosen, die meisten selbst gekauft, einige von Freundinnen weitergegeben, die sich dann doch nicht psychisch bereit für den Farbton Flamingo fühlten. Interessant dabei: Das wäre ich vor drei Monaten auch noch nicht gewesen. Das kleine Blaue macht spielerischer, mutiger, es ist wie eine weiße Leinwand, die mit immer bunteren Farben bemalt werden will. Oder sagen wir so: Es ist eine prima Foundation, die einen knalligen Lippenstift braucht, damit man nicht wie ein Liter Buttermilch aussieht. Erste Konsequenz: Ich habe die Farbe Rot in mein Leben gelassen, wo es bislang noch keinen Platz hatte. Demnächst (schluck): grün. Und gelb. Und pink. Und… Es ist eine neue Welt. Aber um auf die Frage zurückzukommen: Es wäre absurd, einen Selbstversuch in Sachen Reduktion durch einen Overkill in Sachen Accessoire-Shopping zu boykottieren. Ich versuche stattdessen, durch unterschiedliche Kombis Abwechslung in die Sache zu bringen. Tücher kann man als Röcke tragen, Schals als Gürtel (Geschenkbänder, Schiffstaue und Kofferriemen übrigens auch, das merkt kein Mensch), Shirts mit dem Rücken nach vorn, Hoodies über und unterm Kleid, dünne Sommerträgertops obendrüber (wie am 14. Februar), Strickjacken geknotet oder versetzt geknöpft… und so weiter.
2. Ändert das Kleid also dein Leben?
Mmmmmnjö. Einerseits: nicht mehr darüber nachdenken, was man anzieht. Andererseits: irrsinnig viel darüber nachdenken, was man anzieht. Beziehungsweise: wie man aus nichts etwas macht. Es ist ein Spiel. Ich trau mich mehr. Ich habe meine Beine entdeckt, die sonst immer gut in Jeans verstaut waren (1 A-Beine, wenn ich das mal so sagen darf, das war mir vorher gar nicht so klar). Ich habe nicht mehr ständig das Bedürfnis, mich vornehm zurückzuhalten in meiner Kleidung – im Gegensatz zu früher, wo ich außer dunkelblau nur schwarz, beige, weiß, schwarz, kamel, schwarz und jeansblau getragen habe. Ach, und habe ich schwarz erwähnt? Insofern: ja, es ändert schon was.
3. Kein bisschen Langeweile mit dem kleinen Blauen? Ehrlich nicht? Komm, gib’s ruhig zu…
Vor einer Woche zum ersten Mal für einen Tag, ja. Ich glaube aber, das hat eher mit diesem ewig langen Winter zu tun, der einen täglich in denselben Mantel zwingt, dieselben Handschuhe. Ich habe jetzt Lust, mit Frühlingszeug, Sommerzeug rumzuspielen. Schauen, was das Kleid im Warmen so drauf hat.
4. Du bist also wild entschlossen, das Jahr durchzuhalten?
Jawoll. Wild. Ich bin stur. Allerdings ist mir auch klar, dass die ersten 100 Tage ein Spaziergang waren im Vergleich zu dem, was noch kommt. Ich bin Langstreckenläuferin und weiß: Erst ab Kilometer 30 beginnt ein Marathon, ein Marathon zu werden.
Die Dinge, die wir aus Liebe tun haben

Das herzzerreißendste Buch seit langem: Leanne Shaptons fiktiver Auktionskatalog mit den Überresten einer Liebesgeschichte. Postkarten, CDs, Salz- und Pfefferstreuer, Theaterkarten – all das, was bleibt, wenn die Liebe geht: Zeugs.
Wir suchen überall das Unbedingte und finden immer nur Dinge. Novalis

The No Money Man
Mark Boyle hat vor einem Jahr beschlossen, nie wieder Geld auszugeben – und lebt nicht schlecht damit. Ein Reporter des Guardian hat ihn besucht.
Tag 50
50 Tage im kleinen Blauen – wir feiern goldene Hochzeit, sozusagen. Es ist immer noch leicht, und es beginnt mich fast zu ärgern, dass es so ist. Bislang spüre ich weder Langeweile noch Sehnsucht nach den anderen zehn Kubikmetern in meinem Kleiderschrank. Das Kleid lebt klaglos, nein: freundlich mein Leben mit. Sitzt 14 Stunden am Schreibtisch oder zehn Stunden im Flugzeug, schraubt zwei Stunden Lampen an oder stopft einen 16-Pfund-Truthahn, geht zu Dinnerpartys, ins Büro, in Ausstellungen, ins Theater, zu einer Beerdigung, zum Arzt, auf Reisen, auf Wanderschaft, aufs Sofa. Es ist mit mir in eine neue Wohnung gezogen, hat mit mir Kisten geschleppt und den Kopf geschüttelt über all den Krempel, den ich darin mal wieder von einer Wohnung in die nächste getragen habe, ohne ihn je zu benutzen. Es wurde von Familie, Freunden und Fremden neugierig beäugt, interessiert befingert (ja, es ist wirklich sehr dünn; nein, ich friere auch bei minus 7 Grad nicht, dafür gibt es Strumpfhosen und Strickjacken) und gelassen akzeptiert als meine neue zweite Haut. Ich denke immer noch: geniales Teil, es ist genau richtig so. Anfangs stört mich das Rascheln der Technofaser ein bisschen, inzwischen eigentlich nicht mehr, ich habe mich an die Geräusche gewöhnt, die das Kleid macht, und liebe seine Details: die schrägen Tascheneingriffe, den Tunnelzug im Rücken, mit dessen Hilfe ich die Weite regulieren kann, wenn mir mal nicht nach Gürtel ist.
Ein paar Beobachtungen zum Fünfzigsten: 1. Ich werde achtsamer. (Und ich mag das Wort nicht mal.) Was ich damit meine: Ich habe mich noch nie so intensiv mit einem Gegenstand beschäftigt wie mit diesem Kleid. Es zu waschen, es so auf den Bügel zu hängen, dass es faltenfrei trocknet, sich Gedanken zu machen, was ich heute dazu anziehe, das lässt mich das kleine Blaue (genauer die drei kleinen Blauen, die ich übrigens nicht voneinander unterscheiden kann – vielleicht trage ich eins davon besonders oft, ohne es zu wissen?) auf eine Weise schätzen, wie das vor einem Jahrhundert vielleicht mit den zwei Hemden geschah, die man damals besaß. Und die ebenfalls als Kostbarkeit gehegt oder notfalls kunstfertig gestopft wurden, bis sie so fadenscheinig wurden, dass sie sich schließlich auflösten.
2. Alles ist auf dem Prüfstand. Das hat viel mit der kleinen Zusatzaktion „Und tschüß“ zu tun, die mich einen langen, kalten Blick auf all mein Zeug werfen lässt – oft zu dessen Ungunsten. Lange Besessenes wird auf einmal überflüssig, bisher Missachtetes plötzlich lästig. Ich trenne mich mit fast schon beängstigender Lust. Dabei mag ich es immer weniger, Dinge einfach so wegwerfen. Inzwischen ist mir wichtig, einen neuen Platz für sie zu finden, jemanden, der vielleicht noch was mit ihnen anfangen kann. Oder dem sie Spaß machen, zumindest für eine Weile. Interessanterweise mag ich im Umkehrschluss die Dinge mehr, die mir (zumindest derzeit) unverzichtbar scheinen. Was meinen kalten Blick überlebt, das erhält daraufhin einen um so wärmeren, scheint mir. Das sind Sachen, die auch nicht mehr sind als Krempel – aber eben geliebter Krempel. Zum Beispiel empfinde ich gerade eine geradezu absonderliche Zärtlichkeit für meinen “Good Morning Madam”-Wecker. Oder meinen Kusmi-Tee. Oder meinen Sixties-Ledersessel, den ich mal für 40 Euro in einer Auktion geschossen habe. Wenn am Ende des Jahres also wirklich nur noch das übrig bliebe, was ich brauche oder was ich liebe: das allein wäre eine sensationelle Bereicherung.
Kleidersammlung
Im feinen Blankenese hat Rintschs Firma keine Tonne aufgestellt: “Die werfen doch nur ihre Gartenabfälle rein”, sagt er. “Je reicher, desto geiziger. Meine Erfahrung.”
Eine ältere Reportage von Alexander Smoltczyk über die letzte Reise einer Bluse aus einem Hamburger Altkleidercontainer nach Tansania.
Einfach. Cool.
„Life isn’t about finding yourself. Life is about creating yourself.“
George Bernard Shaw
Schlicht und schön: The Impossible Cool, ein Blog über coole Menschen.




Via Glaserei.
Quiet is the new loud
Zwei Bookmarklets, die den visuellen Müll von Websites entsorgen: Quietube blendet das Kommentar- und Verweisgerümpel von YouTube, Vimeo und anderen Videoplattformen aus, Readability extrahiert den Text zu einem ungestörten Lesevergnügen.
Und tschüß reloaded

Nur damit mal klar ist, dass hier nicht gemauschelt wird: Das Und tschüß vom 18.12. in seiner neuen Heimat bei McDonald’s, Hamburg Hauptbahnhof. Die Herrschaften, auf deren Tisch ich die beiden Leuchter gestellt habe, haben sofort einen davon an den Nebentisch abgegeben, wie ich von draußen beobachtete. Das ist der richtige Geist, danke.
Haben wollen
Was treibt im menschlichen Leben, ist der Mangel. Ein Mangel an Schuheinlagen, Mangel an Hirn, an Herzlichkeit, an Gesprächsstoff, was auch immer. Dauernd fehlt etwas. Immer ist etwas zu wenig. Ein feinfaseriges Leid durchzieht den Menschen. Er sehnt herbei, wünscht und trachtet. Dem tritt die Ware entgegen, die Habseligkeit. Das Produkt als eine Kristallisation des Glücks.
Schon als Kleinkind habe ich gerne Kataloge gegessen. Der reizvolle Azetylenbeigeschmack des Hochglanzpapiers und die fruchtbunten Bilder sind ein Vergnügen für jeden Säugling.
Peter Glaser über Kaufhauskataloge. Da fällt mir ein: Das Thema hatte ich ja auch schon mal am Wickel.
Love the ones you’re with
Ich habe einfach nicht nachgedacht, und dann war es zu spät. Gestern nacht habe ich alle drei Kleider gleichzeitig in die Waschmaschine gesteckt. Und wenn ich aus Versehen den Kochwaschgang erwischt hätte? Oder die Waschmaschine explodiert wäre? Oder es gebrannt hätte? Oder…? Ich habe mal gelesen, dass die britische Königsfamilie nie gemeinsam in ein Flugzeug steigen darf, damit nicht alle auf einen Schlag ausgelöscht werden. Jetzt verstehe ich das: Alle Viertelstunde habe ich nach der Maschine geschaut. Als sie endlich zum Stillstand kam, habe ich die drei Blauen vorsichtig ins Wohnzimmer getragen und auf das Sofa gelegt. Diese Nacht sollten sie nicht hängend trocknen müssen.
Zen oder die Kunst, einen Text zu schreiben
Für Menschen mit notorischem Aufmerksamkeitsdefizit, für Leute also, die jede Email bei Eingang sofort lesen und auf der Stelle beantworten oder fünfmal am Tag Facebook, Wetterbericht, Kontostand checken, und zwar gleichzeitig (freut mich, Sie kennenzulernen, hier ist das Aufnahmeformular, ich bin die Zweite Vorsitzende dieses Vereins), gibt es mehr und mehr Ablenkungsverhinderungsprogramme wie Concentrate oder Rescue Time, die einem alle mit einem Lineal auf die Finger hauen, wenn man sein Hirn mal wieder von der Leine lässt. Weitaus charmanter und entspannender für Leute, die ihr Geld hauptsächlich mit Schreiben verdienen, ist da ein Singletasking-Schreibprogramm wie Ommwriter, das bildschirmfüllend alle weiteren Anwendungen ausblendet, einen mit Sphärengedudel oder Vogelgezwitscher in den passenden Alpha-Zustand versetzt, ganz minimalistisch nur die Wahl zwischen drei Schrifttypen lässt – und Hardcore-Multitasker dazu bringt, die Tapete zu fressen. Aber schön, es mal probiert zu haben.
Flasche leer
Nils Minkmar schrieb neulich in der FAS vom Über-Ich, das schon nervös wird, wenn der Handy-Akku halb leer ist. Ich fühlte mich wahnsinnig ertappt und stelle seitdem fest: Ausgequetschte Zahnpastatuben, fast leere Flaschen, Toilettenpapierrollen, an denen nur noch ein paar Blatt sind, machen mich ebenfalls nervös. So nervös, dass ich immer das fast zwanghafte Bedürfnis hatte, sie auf der Stelle durch volle, pralle, frische, neue zu ersetzen. Schon die Möglichkeit des Mangels schien unerträglich. Erste Nebenwirkung des kleinen Blauen: Ich kann die Dinge jetzt zu Ende gehen oder sogar alle werden lassen. Eine Erkenntnis dabei: In einer leeren Zahnpastatube ist immer noch Zahnpasta für eine Woche.
Simplify Your TV


Der Artdirector Albert Exergian hat sich legendäre Fernsehserien vorgenommen und daraus eine wunderschön ikonographische Plakatserie gemacht.
One





So why didn’t you start wearing black?
Unfortunately, black at this point tends to make you look like a French tourist in Soho. It also makes me look ill. I look ill enough; I really don’t need to call attention to that.
Das New York Magazine über fünf New Yorker, die nur eine Farbe tragen.
Ich habe genug

Diese Zeichnung von Maira Kalman, der Witwe des großen Tibor, hatte ich lange an meiner Bürowand (sie stammt aus ihrem hinreißenden gezeichneten Blog in der New York Times), eben habe ich mich daran erinnert. Weil ich heute dasselbe dachte: Ich habe genug. Im obigen Sinn. Ein sehr friedliches Gefühl.
Ebenfalls sehr friedlich macht ein Interview in der Dezember-Ausgabe von “How to spend it” mit “Wall Street Journal”-Reporter Robert Frank über sein Buch Richistan. Darin führt er nicht nur den schönen Begriff “Poorgeoisie” ein für die Reichen, die sich neuerdings genügsam geben, sondern trägt auch sonst Nützliches zu unserem Thema bei:
Vor etwa einem Jahr habe ich zum ersten Mal den Ausdruck “I shopped my closet” gehört. Damit ist gemeint: Frauen, die früher ein Vermögen in Boutiquen gelassen haben, gehen jetzt im eigenen Kleiderschrank einkaufen.
htsi: Und entdecken, was sie alles schon haben?
Frank: Genau. In einem Apartment, das ich in Manhattan besichtigt habe, besitzt die Dame des Hauses so viele Kleider, dass sie in ihrem Schrankzimmer ein Förderband, wie man es aus der Reinigung kennt, installiert hat. Nur so kann sie die Flut kontrollieren.
Ein Monat schon
Leute, es ist leicht. Es ist sogar erschreckend leicht. Ich hätte mir gewünscht, pünktlich zum Einmonatigen Dramatisches erzählen zu können. Verzweiflungsausbrüche morgens vorm Kleiderschrank, Selbstbeschimpfungen (”Du verdammte Vollidiotin, was hast du dir bloß eingebrockt?”), heimliches Tragen von rotgeblümten Folkloreröcken hinter geschlossenen Vorhängen. Stattdessen: Das kleine Blaue ist wie Zähneputzen und Haarekämmen. Muss ja, und gut ist. Kein weiteres Nachdenken darüber. Angezogen wird, was auf dem Bügel hängt.
Ich gebe allerdings zu, das Wort Accessoire in meinen Wortschatz aufgenommen zu haben. Ich gebe zu, ein bedenkliches Interesse an Strumpfhosen zu entwickeln, die ich sonst nicht mit der Kneifzange angefasst hätte – gestreifte, geblümte (geblümte!). Sonst? Keine Nebenwirkungen, keine Mangelerscheinungen.
Im Gegenteil: zwei Kilo plus. Wie ich schon befürchtet habe: die teuflische Elastizität, die dem Körper keine Grenzen setzt und ihn ohne Gegenwehr expandieren lässt. Kleidung war bislang immer mein Korrektiv. Mein Wärter. Das kleine Blaue sagt: Mach, was du willst, mir doch egal.
How to
Es gibt in Entrümplungsratgebern ja meist den Rat, alles wegzuwerfen, was man ein Jahr lang nicht benutzt hat. Menschen, denen das zu radikal erscheint, können mit der Drei-Fragen-Methode beginnen. Brauche ich das? Macht es mich glücklich? Und meine Lieblingsfrage: Wusste ich überhaupt, dass ich das besitze?
Uniformen I
„Ich ziehe mich um, sowie ich aus der Praxis komme. Zuhause ziehe ich meine älteste Hose an. Ich esse mein Abendbrot gern im Schneidersitz vor dem Fernseher, und so macht es nichts, wenn ich kleckere.“
Dr. D, Internist
Umziehen
Heute muss das Kleid zum ersten Mal richtig ran: Ich packe für meinen Umzug übermorgen. Heute ist das kleine Blaue ein Arbeitskittel. Der kleine Blaumann. Das macht es gut.
Kann es Zufall sein, dass Umziehen so ein seltsam elastisches Wort ist? Man zieht um, man zieht sich um. Man zieht sich eine neue Umgebung an, eine neue dritte Haut, man schlüpft in etwas Neues. Und wird selbst ein bisschen neu dadurch. Als ich zum ersten Mal in meiner neuen Wohnung stand, dachte ich: Die ist mir zu weit. Die fülle ich nicht aus. Inzwischen passt sie mir. Entweder bin ich größer geworden oder die Wohnung kleiner.
Streeeeeeeetch your imagination
Wenn man in 12 Prozent Elasthan lebt und damit in totale Nachgiebigkeit gehüllt ist, merkt man, welche Grenzen einem Kleidung normalerweise setzt. In diesem Kleid habe ich das seltsame Gefühl, nichts anzuhaben, einfach weil ich das Kleid nicht spüre. Es engt nicht ein, es definiert nicht die Grenzen des Körpers, es macht ein bisschen fassungslos. Wenn es so etwas gäbe, würde ich sagen: Es ist wie angezogene Nacktheit. Nichts ist vorgegeben, keine Geste, nicht die Art, wie ich sitze (ein enger Jeansbund tut das). Ich weiß noch nicht, ob das gut ist.
„Eleganz ist Verweigerung“ (Diana Vreeland)
Ich besitze elf Gürtel. Das ist deshalb interessant, weil ich niemals Gürtel trage. Aber ich scheine sie zu kaufen. Nur wozu? Jetzt immerhin bekommen sie endlich was zu tun, zum ersten Mal in ihrem trostlosen Leben in meinem Kleiderschrank.
Und wenn wir schon beim Zählen sind: In meinem Kleiderschrank hängen unter vielem, vielem anderen sieben weiße Hemden, neun Paar Jeans (auf der rechten Seite die für dicke, links die für dünne Phasen), vier schwarze Jacketts, mindestens zehn Tops der Kategorie „Ich muss verrückt gewesen sein“ (ausschließlich in der Umkleidekabine und zuhause vor dem Spiegel getragen)… und so weiter. Mit anderen Worten: Es handelt sich um einen typischen Frauen-Kleiderschrank, gut gefüllt und völlig unterbeschäftigt. Es gibt Schätzungen, dass die durchschnittliche westeuropäische Frau nur etwa zehn Prozent ihrer Garderobe tatsächlich trägt. Der Rest hängt nur da. Ungeliebt, ungetragen, unpassend – einfach nur für das beruhigende Gefühl, eine große Auswahl zu haben. Um dann doch jeden Morgen wieder nur zu denselben Jeans und demselben Pullover zu greifen wie vorvorgestern.
Warum also die Garderobe nicht gleich auf die zehn Prozent reduzieren, die man tatsächlich anzieht? Das war die Ausgangsüberlegung für dieses Experiment. Und dann geriet es irgendwie aus dem Ruder und ich dachte: Warum nicht auf 1 Prozent reduzieren? Zumindest für eine Weile?
Leicht wird es nicht, denn eigentlich liebe ich die Auswahl. Ich liebe die Illusion, dass eine große Palette mich bessere Bilder malen lässt. Und ich glaube an die Verwandlungskraft der Mode. Ich glaube, dass man sich von außen nach innen anziehen kann: Wenn ich ein großartiges Outfit trage, fühle ich mich auch so. Ich kann mir Stärke anziehen, Lässigkeit, Arroganz, Lieblichkeit – das alles färbt nach innen durch.
Was also wird passieren, wenn man die Kleiderkrücke nicht mehr hat, um sich auszudrücken und für die Welt zu rüsten, sondern ganz auf sich gestellt ist? Wenn man sozusagen nackt ist – wenn die Hülle nichts bedeutet, weil sie jeden Tag dasselbe erzählt?
I do
Es ist ein bisschen wie kurz vorm Standesamt. Ein Jahr lang dasselbe tragen, das fühlt sich an wie eine Ehe auf Zeit. Ist es das Richtige? Werde ich es mit ihm aushalten, in guten wie in schlechten Zeiten? Ist es wahre Liebe?
Zumindest weiß ich: Das Kleid wird mich lieben, was immer auch passiert in diesem Jahr. Es ist so nachgiebig, dass notfalls zehn Kilo mehr reinpassen (ein Jahr ist lang), es verzeiht unladylikes Rumschlunzen, denn es knittert nicht, auf Reisen lässt es sich im Handwaschbecken waschen und ist im Nu trocken. Das Kleid ist also voll in Ordnung: charmant, stoisch, unprätentiös, anpassungsfähig. Was fürs Leben. Nur: Werde ich mit ihm leben können? Ich habe es mir nach bestem Wissen und Gewissen ausgesucht, doch die Erfahrung lehrt: Es kann alles ein schrecklicher Irrtum sein.
Mittags Lunch mit einer ehemaligen Kollegin, natürlich erzähle ich von dem Projekt. Sie lacht fassunglos, wie die meisten Frauen, die davon erfahren (Männer nehmen es eher gelassen, sie sind das Uniformtragen gewöhnt). Nachmittags Interview mit einem Psychologen für eine Geschichte, abends Essen mit einem alten Freund. Und seltsam: schon am Nachmittag denke ich nicht mehr an das Kleid, finde es kein Thema mehr, muss es nicht mehr rechtfertigen. Ich hab’s einfach nur an.
Das geht mir fast zu schnell.













